Rainer Grether, Geschäftsführer der Georg Utz AG Schweiz, vor den Abbrucharbeiten am Lager 10

1884 wurde es erbaut, das wohl älteste Industriegebäude Bremgartens: das Lager 10 der ehemaligen Seidenweberei. Damals stand es noch allein auf weiter Flur, ausserhalb der Stadtmauern, nur das mehrstöckige heutige Bürogebäude, das schlicht «Altbau» genannt wird, sowie eine Heizzentrale mit hohem Kamin leisteten ihm damals auf der Bremgarter Reusshalbinsel Gesellschaft, wie das Bild von 1907 zeigt.

Es war Zeuge der Blütezeit der Seidenindustrie, doch erlebte das Gemäuer auch deren Niedergang. Nun liegt es in Trümmern. Grund dafür: «Das Dach hat uns öfter Probleme bereitet, und da das Gebäude über einen zweiten Boden verfügt, ist es für die Lagerung von bis zu 9 Meter hohen Palettenstapeln nicht geeignet», erklärt Rainer Grether, Geschäftsführer der Georg Utz AG Schweiz.

Doch darf ein solcher Zeitzeuge der Industrialisierung des Reussstädtchens einfach abgerissen werden? «Wir haben uns bei der Stadt erkundigt und damit gerechnet, dass es unter Denkmalschutz steht. Aber nein, es ist nicht geschützt, also konnten wir es ohne historische Bedenken abreissen», bestätigt Grether.

Seide, Nähfüsse, Plastikboxen

Das Gebäude hat auch nach der Seidenweberzeit viel erlebt. 1953 wurde es zusammen mit dem Altbau vom Werkzeugbauer Georg Utz aus Zürich gekauft. Dieser entwickelte seinen berühmten Zickzackapparat für Nähmaschinen, der es möglich machte, dass selbst normale Nähmaschinen ohne gelenkige Nadel einen Zickzackstich ausführen konnten – damals eine Revolution, die in Bremgarten hergestellt und in die ganze Welt verkauft wurde. 1957 schaffte Utz dann seine erste Spritzgussmaschine an. Ab dann wurde der Name in der Kunststoffverarbeitung bekannt, besonders natürlich für die Rako-Lagerungsbehälter in verschiedenen aufeinanderpassenden Grössen.

Nach und nach wurden weitere Gebäude ans Lager 10 und den Altbau angebaut. Sie tragen Namen wie Lager 68, Lager 99 oder Lager 06. «Warum das Lager 10 so heisst, wissen wir nicht, aber die Anbauten wurden jeweils nach den Jahreszahlen benannt, in denen sie erbaut wurden», sagt Grether.

Kurzfristig umgesiedelt

In den Hallen der Georg Utz Schweiz AG in Bremgarten befinden sich einige der grössten Spritzgussanlagen der Schweiz, eine davon mit einer Schliesskraft von 3200 Tonnen. Mit ihr werden derzeit Kunststoffkörbe für Einkaufswagen hergestellt. Ein 32-Tonnen-Kran fährt über sie hinweg, mit dem die Spritzgusswerkzeuge auf den Maschinen ausgewechselt werden können. Das Granulat kommt über ein Rohrsystem aus den 24 Silos, die draussen stehen. Vieles passiert in den riesigen Hallen automatisch, dennoch arbeiten 220 Mitarbeiter in den verschiedenen Abteilungen von Administration und Konstruktion über die Werkzeugherstellung bis hin zur Produktion der Spritzgussteile. Unter den Mitarbeitern sind jeweils 10 Prozent Lernende.

So soll der Neubau, der das Lager 10 ersetzt, in einem Jahr aussehen. (Visualisierung)

In mehreren Hallen wurden vorübergehend zweite Stockwerke aus Metallkonstruktionen eingebaut, damit das Lager 10 komplett ausgeräumt werden konnte, die Produktion deshalb aber nicht eingestellt werden musste. So wurden der Testraum, die Räume des mechanischen und technischen Unterhalts sowie die Montageabteilung und die Prägerei umgesiedelt. Für die Herstellung von Thermoformteilen wurde ein neues Gebäude errichtet.

Flachdach nutzt Platz besser

Das neue Lager 10, dessen Name noch nicht feststeht, wird überwiegend als Lagerhalle für Grossteile und Spritzgusswerkzeug verwendet werden. Testraum und Unterhalt zügeln wieder zurück, in einem Vorbau entstehen zusätzliche Büros. Auf das markante Sheddach, typisch für das Lager 10, müsse man künftig leider verzichten, hält Rainer Grether fest: «Ein Flachdach ist eine platztechnische Notwendigkeit. Wir werden nicht ganz 15 Meter hoch bauen, wie wir dürften, sondern nur 11 Meter, aber mit einem Sheddach würden wir die 15 Meter überschreiten. Wir können es uns nicht leisten, Platz zu verschwenden.» So wird das wohl älteste Industriegebäude Bremgartens bald Geschichte sein. Am 18. Mai 2017 soll das neue Gebäude eröffnet werden.

Quelle: Aargauer Zeitung